Wieso baut man 5G, wenn man bereits von 6G spricht?

Jüngst hat der Tages-Anzeiger über 6G geschrieben, auf Basis eines Whitepapers von Samsung. Die PR-Abteilung des südkoreanischen Unternehmens wird sich gefreut haben. Doch was hat es mit den „Gs“ auf sich? Und wieso spricht man schon von 6G, wenn 5G erst in der Einführung ist?

 

Böse Zungen behaupten, 6G sei mehr Marketing als etwas Handfestes. Ist das so? Um die Frage zu beantworten, muss man verstehen, wie die Entwicklung im Mobilfunk erfolgt: Am Anfang steht eine grosse Idee. Es wird skizziert, welche Anwendungen die Folgegeneration ermöglichen soll. Dann werden die Anforderungen (Requirements im ICT-Jargon) definiert und in Arbeitspaketen (Releases) festgehalten. Und dann wird geforscht. Verantwortlich für diesen Prozess ist das Standardisierungsgremium mit Namen 3GPP.

Zum einen werden also die gewünschten Anwendungen festgehalten, viel mehr Know-how und Forschung fliesst allerdings in die Weiterentwicklung der Software, Antennen, Geräte und Chips. Denn Mobilfunk kitzelt immer mehr aus den physikalischen Randbedingungen heraus. Wäre Mobilfunk ein Auto, so hätte man einen Motor mit 10 Liter pro 100 Kilometer Verbrauch auf 1 Deziliter Verbrauch optimiert – und das in nur zwanzig Jahren.

Mobilfunk wird immer besser und kann heute im Rauschen, dass vor wenigen Jahren technisch nicht mehr nutzbar war, Signale übertragen. Es stellen sich allerdings neue Herausforderungen: Ein 2G-Signal eines Gespräches war einfacher in einen fahrenden Zug zu bringen als eine hochbreitbandige Internetverbindung.

Testen, testen, testen

Nach der Forschung wird in der Praxis getestet, parametriert und geschraubt. Testobjekte sind beispielsweise ein Pilotnetz mit Smartphone-Prototypen wie jenes vom November 2018 oder die erste Antenne in Guttannen im Emmental. Viele Innovationen und Durchbrüche, welche die Swisscom unter die Leute bringen wollen, scheinen oft wenig relevant oder sehr technisch. Sie sind aber die Schlüssel, dass es dann Monate und Jahre später so funktioniert, wie wir es gewohnt sind: Streaming im Zug, Telefonieren auf dem Berg, Kapazität im Netz. Wer hätte 1999 gedacht, was wir heute alles mit dem Smartphone tun? Oder, dass es überhaupt so etwas wie Smartphones gibt?

Finde die Logik

Wie man diese Übergriffe definiert, ist nicht einheitlich. Innerhalb von 3G gab es sehr grosse Sprünge, denen man keinen neuen Namen gegeben hat. 5G hingegen hätte man aus technischer Sicht auch unter 4G zusammenfassen können. Denn so hartnäckig uns Kritiker weiss machen wollen, dass 5G etwas völlig Neues ist: Letztlich ist 5G nur ein frisiertes 4G mit besserer Software und mit neuen Hardwarekomponenten. Und das bringt mich zum wichtigsten Punkt: Software.

Marc Andreessen, der Erfinder des Netscape Navigators, hatte in seinem viel beachteten Essay 2011 „Why Software is Eating the World“ skizziert, welche Rolle Software einnehmen wird. Genaue diese Entwicklung sehen wir auch im Mobilfunk, bei 5G und in Zukunft noch viel stärker bei 6G. Sie kommt quasi zeitverzögert dort an, wo sich die Cloud bereits hin entwickelt hat: in die Virtualisierung.

Reich werden mit Leerlaufzeit

Schauen wir zurück: Die grosse Innovation von Amazon Web Services (AWS) war, dass man Serverleistung per Mausklick, on demand, kaufen konnte. Davor stellte man sich kiloweise Hardware in den Keller und benutzte nur einen Bruchteil ihrer Leistung, respektive nutzte sie nur zu Peakzeiten. So erzählt man sich auch die Geschichte, wie AWS entstand: Für das Weihnachtsgeschäft musste Amazon die Peak-Kapazität ausbauen und überlegte sich, was man mit der nicht benötigen Rechenleistung während des restlichen Jahres tun könnte. Die Lösung war einfach: Sie haben die Rechenleistung vermietet. 2019 machte AWS gemäss Statista.com 35 Milliarden Dollar Umsatz damit.

Dass dieser flexible Ansatz möglich ist, liegt an der Virtualisierung. Sie imitiert mit Software das Vorhandensein der Hardware, die man eben früher in den Keller gestellt hat. Statt zwanzig spezifische Server bildet man sie auf einem einzigen Server virtuell in der Cloud ab. Wenn man von einem ganzen Rechenzentrum spricht, schiebt man die virtuelle Server beliebig umher, um Ressourcen möglichst gut auszulasten. Ich erinnere mich an eine Einmannfirma, die eigens einen teuren und wartungsintensiven Server für zwei E-Mailadressen in der Besenkammer stehen hatte.

Das Netz wird beweglich

Die Flexibilität der Cloud kommt also nun auch ins Netz. 5G bietet garantierte Netzressourcen für kritische Anwendungen oder kürzere Reaktionszeiten. Mehr Flexibilität bedeutet, dass das Netz für weitere Anwendungen erschlossen wird. Auch über 6G werden wir noch viel lesen: Vordergründig schöne Marketinggeschichten, Visionen und Zukunftsszenarien, hintergründig aber arbeiten bereits heute tausende Spezialisten daran, die Technologie und die Möglichkeiten des Mobilfunks noch besser zu machen.

Ob es nun 4G, 5G oder 6G heisst: Es ist eigentlich egal. Was zählt, sind die Möglichkeiten und das, was schlaue Köpfe aus ihr machen. Freuen wir uns auf Anwendungen, an die heute kaum jemand denkt.

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